
Date: 05.03.2009
Source: Tageblatt
URL: http://tageblatt.editpress.lu/news/117/ARTICLE/12154/2009-03-05.html
„Noch sehr viel Nebel“
Léon Marx
Luxemburg leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, die Ergebnisse sind allenfalls gutes Mittelmaß: Diese Kritik steht seit Jahren ganz vorne in den Berichten der OCDE. Obwohl mit der grundlegenden Reform des Spitalsektors im Jahr 1995 – damals wurde das System der Budgetisierung eingeführt – eigentlich ein regelrechter Paradigmenwechsel einhergehen sollte, hat sich seither nicht allzu viel verändert.
Seit 2003 unterziehen sich die luxemburgischen Krankenhäuser sogar einer externen Kontrolle. Doch viel gebracht hat auch diese Bewertung von insgesamt 32 Kriterien nach den EFQM-Regeln (European foundation for quality management) offensichtlich nicht.
Dass trotz der hohen Ausgaben irgendetwas mit dem luxemburgischen Gesundheitssystem nicht stimmt, zeigte auch die vergangene Woche von TNS Ilres durchgeführte Umfrage, bei der sich nur 63 Prozent weitgehend zufrieden über das Gesundheitssystem äußerten. Mit anderen Worten: fast ein Drittel der Befragten sind nicht zufrieden mit dem, was ihnen bei ihren Arzt- und Krankenhausbesuchen in den letzten zwei Jahren (so die Erhebungsbasis) widerfahren ist.
Der Wettbewerb wird kommen
In der TNS-Ilres-Umfrage hatten 16 Prozent der Befragten angegeben, bereits einmal das „Opfer“ von Mehrfachanalysen gewesen zu sein. „Und das, was die Patienten selbst sehen, ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs“, so Roger Consbruck. Bis zu 200 Millionen Euro könnten hier eingespart werden, so die Einschätzung des CNS-Präsidenten.
200 Millionen Euro, das ist viel Geld. Vor allem in einer Zeit, in der der Arbeitsmarkt leidet und die Beiträge mittelfristig langsamer sprudeln werden. Dessen sind sich eigentlich alle bewusst. Einsparungen könnte auch mehr Wettbewerb zwischen den einzelnen Häusern bringen.
Auch wenn die Medizin keine Ware oder Dienstleistung wie jede andere ist, so ist doch unverkennbar, dass es innerhalb der EU zu einem wachsenden Wettbewerb kommen wird. Nicht nur die EU-Kommission wolle das, auch die Patienten, bemerkte u.a. Christoph Scheu (EFQM-Experte). Der Patient sehe sich in zunehmendem Maß als Kunde und wolle vergleichen können.
Roger Consbruck ging noch einen Schritt weiter und meinte, man habe „eine Verpflichtung zur Offenlegung von Ergebnissen über qualitative Resultate. Neben der Qualität der Behandlung wurde gestern aber auch die Art der Behandlung als Kostenfaktor ausgemacht und kritisch analysiert. 80 Prozent der Chirurgie sei heute ambulante Chirurgie, hieß es. Luxemburg aber habe lange schwerfällige Strukturen nach dem System der 1980er Jahre gebaut.
Eine Kritik, die so ganz und gar nicht mit dem vom Gesundheitsminister herausgegebenen Motto „dépenser mieux“ reimt.
Den Hausarzt neu entdeckenAuf eines der Grundübel, wenn nicht das Grundübel schlechthin, unter dem das luxemburgische Gesundheitssystem leidet, ging gestern der Allgemeinarzt Dr. Jill Koullen ein. Die Arbeit des Allgemeinarztes, insbesondere des Hausarztes im Rahmen der Primärversorgung, werde zu geringeingeschätzt, bedauert er. Dabei wären 90 Prozent der medizinischen Probleme effizient und kostengünstig auf dieser Ebene zu lösen. Die Arbeit des Allgemeinarztes ist selten spektakulär, bemerkt Koullen. „Von uns spricht kaum jemand, anders als vom Chirurgen, der eine spektakuläre Operation ausgeführt hat“, klagt er. Das Resultat ist, dass die Luxemburger lieber stundenlang in der Notaufnahme eines Krankenhauses sitzen als im Wartesaal ihres Hausarztes. Dabei ist der Hausarzt der Mediziner, der normalerweise das umfangreichste Patientendossier hat und der auch das soziale Umfeld des Patienten am besten kennt. Eigentlich sollte der Zugang zu dem Gesundheitssystem auf dieser Ebene erfolgen, meint Koullen. Dass das offene luxemburgische System auch den direkten Zugang des Patienten zu Fachärzten ermöglicht, will er aber nicht infrage stellen. Koullen verschweigt allerdings, dass die Hausärzte in Luxemburg - laut der rezenten TNS-Ilres-Umfrage - die medizinische Koordination mit anderen Fachärzten nicht immer so konsequent praktizieren wie ihre europäischen Kollegen. Eigentlich schade, dass es keine ähnliche Umfrage unter den Akteuren gibt. Auch wenn man sich das Resultat nach der gestrigen Tagung in etwa ausmalen kann. Dass ein Krankenhausdirektor vor dem Plenum freimütig zugibt, er könne zwar etwas über die (subjektive) Zufriedenheit seiner Patienten sagen, nicht aber über die Qualität seiner Chirurgen, weil dafür die Messparameter fehlen, ist schon mehr als erstaunlich. Roger Consbruck vom Gesundheitsministerium fand, die Situation habe sich zwar schon gebessert, es gebe in Sachen Qualitätsvergleiche einige Lichtblicke, aber insgesamt gebe es noch „sehr viel Nebel“. So viel ehrliche Offenheit stieß allerdings nicht nur auf Zustimmung. Und so hatte Journalist Peter Feist bei dem Rundtischgespräch, das die Tagung abrundete, streckenweise doch einige Mühe. Insbesondere der Vertreter der AMMD („Association des médecins et médecins dentistes“), Dr. Jean Uhrig, hatte gestern am Diskussionstisch einen schweren Stand. So auch, als es um die statistische Aufarbeitung der Daten ging. Ein Chirurg verbringe heute 25 Prozent seiner Zeit mit Statistik, im Endeffekt bringe das nicht viel, so seine These, die am Podium zwar kontrovers diskutiert wurde, die den Reaktionen nach aber von dem Saal weitgehend geteilt wurde. Sicher gebe es Auswüchse, meinte dazu der medizinische Direktor des CH Ettelbrück, Dr. Hans-Joachim Schubert. „Aber auch aus Routinedaten ließe sich schon sehr viel ablesen.“ Heute aber sei die Datenlage für qualitative Vergleiche schlichtweg nicht ausreichend. Die zentrale Ursache für die schwierige Datenlage ist dabei teilweise auch systembedingt. Zumindest in diesem Punkt schienen sich die Experten gestern weitgehend einig. Die liberalen Ärzte müssten, genau wie die festangestellten Krankenhausärzte, voll in das System eingebunden werden. Der Ball landete am Ende bei der Krankenkasse. Die heißt seit dem 1. Januar zwar Gesundheitskasse (CNS), ob der Name auch Programm ist, wird sich aber erst noch zeigen müssen. Die Kasse habe eine Flut von Daten, er habe aber den Eindruck, man wolle diese gar nicht auswerten, so Dr. Jean Uhrig. Jean-Marie Feider von der CNS reagierte zwar nicht direkt auf die vorgebrachte Kritik, warf aber die Idee des einheitlichen Patientendossiers in die Diskussion. Dieses einheitliche Patientendossier, das auch Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo sehr am Herzen liegt, ist an sich keine neue Erfindung. Ein erster Anlauf scheiterte allerdings vor Jahren an Datenschutzbedenken. Nun soll ein elektronisches Patientendossier kommen. Möglichst zusammen mit einer Vernetzung sämtlicher Krankenhäuser. Das würde auch zahlreiche doppelte und Mehrfachanalysen verhindern, ist Feider überzeugt. |